· 

Brain-Drain - Müssen wir Entwicklungsländer vor Auswanderung schützen?

 

Ein Land vor dem Abgrund. Bulgarien laufen die jungen Leute davon. Im Zeitraum von 1990 – 2007 verließ etwa eine Million Menschen das Land. Seit dem EU-Betritt und der Arbeitnehmerfreizügigkeit sind es ca. 30.000 pro Jahr. Neben dem demographischen Problem verlassen insbesondere hochqualifizierte Personen das Land. Der sogenannte Brain-Drain, also die Auswanderung der Eliten eines Landes, bedroht Entwicklungs- und Schwellenländer. Oder etwa nicht?

 

Als Brain-Drain wird die massenhafte Auswanderung der politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten eines Landes bezeichnet. Sie ziehen ins Ausland, um mehr Geld zu verdienen und einen besseren Lebensstil zu führen. Durch den Verlust von Ärzten oder Lehrern zerfällt die öffentliche Infrastruktur. Gut ausgebildete Fachkräfte fehlen der Wirtschaft. Die Auswanderer nehmen auch ihr Erspartes mit, weshalb dringend benötigte Investitionen ausbleiben und die Binnennachfrage sinkt. Das Kapital geht verloren. Darüber hinaus gehen fortschrittliche Werte, wie Demokratieverständnis oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau verloren. Manche Forscher wie Paul Collier von der University of Oxford fordern daher Maßnahmen zur Verhinderung der Migration. Eine Art nationaler Protektionismus zur Entwicklung des Landes.

 

Gegen diese Argumentation sprechen eine Reihe von Faktoren. So verlassen meist solche Eliten das Land, die ohnehin nur den reichen Zirkeln der Herkunftsländer zur Verfügung stehen. Die bulgarischen Ärzte, die Fremdsprachenkenntnisse haben und auf dem internationalen Arbeitsmarkt konkurrieren können, sind für die breite bulgarische Bevölkerung zu teuer. Ihre Auswanderung trifft nicht die Mitte der Gesellschaft.

 

Bei der Emigration findet ein Gegenprozess statt: Der Brain-Gain. Das Herkunftsland gewinnt auch an Ressourcen. Erstens qualifizieren sich die Ausgewanderten im Ausland weiter. Der bulgarische Arzt arbeitet in der Schweiz mit den besten medizinischen Geräten und nimmt an Fortbildungen teil. Dieses Wissen kann er nach Bulgarien transportieren, z.B. durch Vorlesungen oder eine spätere Rückkehr. Zweitens investieren Migranten in ihr Heimatland und stärken die Wirtschaftsbeziehungen. Der Ingenieur gründet eine Firma in Bulgarien und importiert aus Frankreich. Drittens werden im Ausland angenommene Werte wie Umweltschutz oder Demokratieverständnis ins Herkunftsland transportiert. Neue, digitale Medien vereinfachen diesen Prozess. Im Ausland verdienen Migranten mehr Geld. Ein Teil wird zurück ins Heimatland geschickt. Diese Rücküberweisungen unterstützen Verwandte oder werden im Bau von Immobilien investiert. Dies kurbelt die Binnenwirtschaft wieder an. Geld, das so in die Ausbildung der jungen Generation gesteckt wird, fördert ebenfalls das Bildungsniveau.

 

Die Effekte des Brain-Drains sind also nicht so glasklar, wie sie erscheinen. Es bleibt also abzuwarten, wie sich Bulgarien in Zukunft entwickeln wird. Bereits heute wandern 10.000 Personen jährlich nach Bulgarien ein. Vielleicht rentiert sich die Migration ja doch.

 

 Mehr zu diesem Thema finden Sie in "Grenzenlos - Warum wir illegale Migration neu denken müssen