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Mismatch - Warum Flüchtlinge nicht auf den deutschen Arbeitsmarkt passen

 

Wer kennt es nicht: Das Klischee vom taxifahrenden, iranischen Arzt. Die mitgebrachte Qualifikation eines Migranten stimmt schlichtweg nicht mit dem Bedarf im Zielstaat überein. Das Ergebnis: Eigentlich Überqualifizierte gehen wesentlich einfacheren Tätigkeiten nach. Zwar geht die Integration von Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt vergleichsweise gut voran (Hier geht es zum aktuellen Artikel hierzu). Dennoch werden viele Qualifikationen verschenkt. Woran liegt das? Was kann man dagegen unternehmen?

 

Die meisten Probleme sind bekannt: mangelnde Deutschkenntnisse, psychische Probleme aufgrund von Traumatisierungen und vergleichsweise schlechte Bildungssysteme in den Herkunftsländern erschweren die Jobsuche. Andere Faktoren sind doch etwas komplizierter.

 

 

Das Humankapital

 

Ein unterschätztes Problem ist die mangelnde Bildung in jungen Jahren. Wegen verpassten Schuljahren bleibt vielen Jugendlichen der Weg ins Studium verwehrt. Aber auch die Ausbildung fällt vielen wegen Kenntnissen in Mathematik und Deutsch sehr schwer. Die handwerklichen Fähigkeiten sind in Ordnung. Die Berufsschule ist das Problem.

 

Die Kenntnisse über den Arbeitsmarkt fehlen jedoch ebenfalls. Bildungswege, Beratungsangebote und Jobperspektiven erreichen insbesondere viele Neuzugewanderte nicht. Dadurch bleiben Potentiale auf der Strecke. Da auch oft das soziale Netzwerk relativ klein ist und mehrheitlich aus Landsleuten besteht, fehlen Kontakte. Es scheitert am Vitamin B.

 

Der Druck, Familienangehörige versorgen zu müssen, stellt junge Leute vor eine schwere Wahl. Da im Studium kein Geld und in einer Ausbildung nur wenig verdient wird, entschließen sich viele junge Leute zu der Aufnahme einer regulären Arbeit. Sie landen dann langfristig ohne Ausbildung in Helfertätigkeiten und oft auch in der Leiharbeit. Dies vernichtet Perspektiven.

 

 

Und mal wieder die Bürokratie

 

Unnötige bürokratische Hürden erschweren die Jobsuche ebenfalls. Zu viele Ämter und Behörden spielen entscheidende Rollen bei der Arbeitsmarktintegration: Ausländerämter und Agenturen für Arbeit konkurrieren bezüglich der Arbeitserlaubnisse insbesondere von Geduldeten. Sozialämter müssen das Asylbewerberleistungsgesetz so umsetzen, dass nur geringe Einkünfte tatsächlich den Leistungen angerechnet werden können. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) benötigt teils Jahre zur Bearbeitung von Asylanträgen. Hinzu kommen verschiedene Auslegungen der Gesetze sowohl auf kommunaler als auch auf Länderebene. Insbesondere Bayern agiert restriktiv. Das muss schneller gehen.

 

Nicht zuletzt stellt die Wohnsitzauflage die betroffenen vor Probleme. Anerkannte Flüchtlinge werden einer Kommune zugewiesen. Dies ist zunächst auf eine gewisse Zeit beschränkt. Die Personen können nur an diesen Orten Zugang zu Sozialleistungen bekommen. Dies zielt darauf ab, Ballungszentren mit angespannten Wohnungsmärkten zu schützen. Das Problem: Migranten in ländlichen oder strukturschwachen Gebieten haben es schwerer, Arbeit zu finden. Zwar kann die Wohnsitzauflage unterbestimmten Bedingungen wie einer Berufsaufnahme oder aus familiären Gründen aufgehoben werden. Sie behindert trotzdem die Arbeitssuche von qualifiziertem Personal.

 

Komplexe Berufsanerkennungsverfahren und Gesetzeslagen erschweren den Zugang zu reglementierten Berufen. Gerade in Branchen wie den Heilberufen wird aber händeringend Personal gesucht. Es mangelt an Pflegern und Ärzten. Und das nicht mehr nur noch auf dem Land. Zuwanderung kann hier eine Lösung sein. Gerade hier müssen aber viele fachliche Kenntnisse nachgeholt und die deutsche Fachsprache erlernt werden. Elmar Kretschmer, Projektmanager von Ärzte für die Zukunft, einer Beratungsstelle für Anerkennung ausländischer, ärztlicher Qualifikationen, sagt: „Durch dieses kumulative Erfordernis, sprachliche und fachliche Fähigkeiten nachweisen zu müssen, um einen Qualitätsstandart zu setzen, bedarf es eines erheblichen Zeitaufwandes. Der Weg zur Approbation bedarf Geduld, weil er zeitaufwendig ist.“

 

Auch das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz kann hieran wenig ändern. So vereinfacht es an einigen Stellen zwar die Einwanderungskriterien, aber ändert nichts an der nötigen fachlichen Qualifikation. Der iranische Arzt muss also trotzdem noch durch die Anerkennung. In der Zeit hilft das Taxifahren immerhin, den Lebensunterhalt zu sichern.

 

 

 

Handlungsmöglichkeiten

 

Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen werden verschiedene Weichenstellungen für eine Qualifikationsoffensive benötigt:

 

1. Arbeitsbedingungen während und nach der Ausbildung müssen verbessert werden. Dies würde die klassische Ausbildung konkurrenzfähiger zum Studium machen und Einkommensunterschiede im Vergleich zur Aufnahme einer Helfertätigkeit verringern. Kretschmer betont für den medizinischen Bereich: „Es sollte für die mittlerweile sehr wichtige Berufsgruppe der Pflegefachkräfte eine aus gesellschaftspolitischer Sicht größere Anerkennung und Wertschätzung geben. Die Arbeit, die hier verrichtet wird, erfährt leider oftmals nicht den gebührenden Respekt und Dank“.

 

2. Wo möglich, müssen Standards abgesenkt werden. Der deutsche Arbeitsmarkt ist einer der reglementiertesten der Welt. Dies schafft Qualität, erschwert aber den Zugang von Migranten auf den Arbeitsmarkt. Wenn insbesondere handwerkliche Fähigkeiten stimmen, müssen unnötige Anforderungen reduziert werden.

 

3. Ausbildungen müssen flexibler gestaltet werden. Geflüchtete bringen teilweise geringere schulische Bildung mit. Diese muss in der Ausbildung zur Not nachgeholt werden. Schulische Ausbildungsteile müssen daher passgenau auf die Bedarfe des Einzelnen zugeschnitten werden. Anerkennungsverfahren müssen noch zielgerichteter im Einzelfall zugeschnitten werden.

 

4. Eine erfolgreiche Ausbildung muss belohnt werden. Wer seine Familie bewusst weniger während der Ausbildung unterstützt, muss dafür später belohnt werden. Bei einer erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildung kann eine solche Belohnung z.B. Familienzusammenführungen für Personen sein, die sonst nicht dafür infrage kommen (bspw. Geschwister).

 

5. Kompetenzen einzelner Behörden müssen z.B. unter dem Dach der Arbeitsagenturen zusammengefasst werden: Ein zentraler Ansprechpartner für alle arbeits- und aufenthaltsrechtlichen Angelegenheiten. Darüber hinaus muss dies bundesweit einheitlich umgesetzt werden.

 

6. Die Wohnsitzauflage darf keine Hürde auf dem Arbeitsmarkt sein. Sie sollte automatisch mit einer abgeschlossenen Ausbildung oder Berufsanerkennung aufgehoben werden.

 

Mehr zu diesem und anderen Themen finden Sie in meinem aktuellen Buch "Grenzenlos - Warum wir illegale Migration neu denken müssen".